Die galaktische und extragalaktische Astronomie prägt unser Bild des Weltalls im Großen. Der Vorstoß in größere Entfernungen wurde Anfang dieses Jahrhunderts möglich, als genauere Methoden zur Entfernungsbestimmung zur Verfügung standen. Entfernungen bis einige Dutzend pc lassen sich absolut geometrisch durch Parallaxen ermitteln. Für größere Entfernungen stützt man sich auf verschiedene statistische Auswertungen der scheinbaren Helligkeiten und Bewegungen der Sterne und der daraus abgeleiteten interstellaren Absorption. Der Sprung in den weiteren galaktischen und extragalaktischen Raum gelang mit der Entdeckung der Periode-Leuchtkraft-Beziehungen der dCep - (Shapley, 1918) und W Vir - Sterne (Baade, 1952).
In den Zwanziger Jahren entstand das heutige Bild der Struktur und Dynamik unserer Milchstraße durch Lindblad und Oort. Diese besteht aus einer Scheibe aus Sternen und interstellarer Materie mit zentraler Verdickung und einem Durch-messer von etwa 30 kpc. Die Sonne befindet sich in einem Abstand von ca. 9 kpc vom Zentrum der Scheibe.
Edwin Hubble entdeckte 1924 anhand von M31, daß sich Spiral"nebel" in ihren Randzonen in einzelne Sterne auflösen lassen und wies damit die extragalaktische Natur dieser Objekte nach. Man verwendet daher den Begriff "Galaxie" für die großen Sterneninseln außerhalb von und ähnlich unserer der Milchstraße, den Begriff "Nebel" für alle nebulösen Objekte innerhalb der Michstraße und Galaxien. Hubble entdeckte 1929 darüber hinaus die systematische Rotverschiebung der Galaxien, welche proportional zu ihrer Entfernung vom Beobachter zunimmt. Hieraus läßt sich ein Weltalter von einer Größenordnung von 1010 Jahren ableiten. Dies ist vergleichbar mit dem Alter des Sonnensystems von 4.5 109 Jahren.
Die Verfeinerung der Theorie der Sternentwicklung in den dreißiger Jahren durch die Kernphysik machte erste vernünftige Abschätzungen von Lebensdauern der Sterne möglich. Insbesondere erkannte man, daß die masseärmsten Sterne praktisch so alt sind wie das Universum, während die massivsten Sterne eine so kurze Lebensdauer haben, daß man sie praktisch am Ort ihrer Entstehung beobachtet. Hieraus ergibt sich eine Mixtur von Populationen - alte Sterne unterscheiden sich in ihrer chemischen Zusammensetzung von jüngeren Sternen, deren Materie bereits durch mehrere Sternentwicklungsprozesse gegangen ist und die erheblich mehr Elemente schwerer als He enthalten. Entsprechend unterscheiden sich Farben-Helligkeits-Diagramme innerhalb der Milchstraße.
Mit der Entdeckung der extraterrestrischen Radiostrahlung durch Jansky 1932 öffnete sich ein neues Fenster in den Kosmos. Neben der nichtthermischen Synchrotronstrahlung messen Radioteleskope die kühler, massereicher Molekülwolken und erlauben, deren Verteilung in der Milchstraße zu bestimmen. Es stellt sich heraus, das diese den Ort der frühen Entwicklung von Sternen markieren. Die zunehmende Winkelauflösung durch Radiointerferometer in den fünfziger Jahren gestatte die Entdeckung kompakter Radioquellen. Neben galaktischer Quellen - meist Supernovaüberreste - fand man in den Kernen bestimmter ("aktiver") Galaxien Quellen sehr starker Radioemission, meist einhergehend mit kollimierten Bündeln relativistischer Teilchen und Plasmas ("Jets"). Die Identifizierung extremer Radioemission bei hoher Rotverschiebung mit eher unauffälligen optischen Objekten (M. Schmidt, 1962/63) - Quasaren - legt nahe, daß zumindest im jungen Universum aktive Galaxienkerne eine große Rolle gespielt haben müssen. Die Erschließung anderer Spektralbereiche - der Röntgenbereich durch Weltrauminstrumente und der Infrarotbereich durch moderne Detektoren an bodengebundenen und Weltraum-Teleskopen - haben ihren Teil an der noch anhaltenden Welle neuer Entdeckungen.
Für eine detaillierte Beschreibung siehe http://adc.gsfc.nasa.gov/mw/.
| 408 MHz | |
| 1.4 GHz | |
| 115 GHz | |
| 60 µm | |
| 2.5 µm | |
| 0.6 µm | |
| 1 keV | |
| 100 MeV | |
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| Radiokontinuum
l = 740 mm |
Heißes Gas, Streuung freier Elektronen, Synchrotronstrahlung |
| 21-cm Linie
l = 210 mm |
Atomarer Wasserstoff (Hyperfeinstruktur)
Normales interstellares Medium, Gas |
| 115 GHz - Linie
l = 2.6 mm |
Molekularer Wasserstoff,
(J = 1-0 Übergang von CO als tracer)
Kühles interstellares Medium |
| Thermisches Infrarot
l = 12, 60, 100 µm |
Thermische Strahlung warmer interstellare Materie, Sternentstehungsgebiete, Staub |
| Nahes Infrarot
l = 2.5 µm |
Kühle Sterne mit geringer Masse
Insterstellare Materie ist transparent bei diesen Wellenlängen |
| Optisch
l = 0.6 µm |
Sterne
Insterstellare Materie als Dunkelwolken |
| Röntgen
l = 1.4 nm |
Heißes, durch Schockwellen aufgeheiztes Gas
Insterstellare Materie als Dunkelwolken |
| Gamma
l = 14 fm |
Kollision kosmischer Strahlung an Protonen
Supernova-Reste |
Erste Hinweise über die Struktur der Milchstraße
ergeben sich aus der Analyse der Sternstatistiken - die Zahl N(m)
der Sterne mit einer scheinbaren Helligkeit m. Nach (2.37) nimmt m
mit dem Logarithmus der Entfernung zu. Gleichzeitig nimmt die Zahl der
Sterne in einem Volumen mit Radius r proportional zu r3
zu. Hätten alle Sterne dieselbe absolute Helligkeit und wäre
ihre Dichte konstant, so wäre
Man mißt eine deutlich schwächeres Anwachsen, welches zurückzuführen
ist auf wenigstens einen von zwei Gründen:
Weitere Hinweise ergeben sich aus der Analyse der Bewegungen der Sterne in unmittelbarer Sonnenumgebung. Man kann die Bewegung im Raum aus der spektroskopisch bestimmten Radialgeschwindigkeit
,
(3.1)
wobei Dl die Wellenlängenverschiebung von der Ruhewellenlänge l0 ist, sowie der Eigenbewegung µ (arcsec pro Jahr) bestimmen. Die Tangentialgeschwindigkeit vt ergibt sich aus der Eigenbewegung und der Parallaxe p nach
.
(3.2)
In unmittelbarer Sonnenumgebung kann man aus dem Mittelwert der Eigenbewegungen vieler Sterne die Eigenbewegung der Sonne gegenüber einem Lokalen Ruhesystem (Local Standard of Rest) ermitteln. Es ergibt sich eine Bewegung mit einer Geschwindigkeit von vC = 19.7 km s-1 in die Richtung mit Rektaszension a = 18h 0m und Deklination d = 30° (Apex).
Die Eigenbewegung der Sonne ermöglicht, statistisch
mit Hilfe der resultierenden Scheinbewegung die säkulare Parallaxe
von geeignet gewählten Sterngruppen zu ermitteln. Deren mittlere
Eigenbewegung
führt zu einer mittleren Parallaxe
,
(3.3)
wobei c der Winkel zwischen der Sternengruppe und dem Apex ist.
Diese Methode funktioniert, solange die betrachtete Sternengruppe keine nennenswerte Korrelation der Eigenbewegungen ihrer Mitglieder hat. Eine solche Korrelation kann durch die gemeinsame Entstehung der Mitglieder entstehen. Vom Standpunkt des Beobachters scheinen die Sterne einem gemeinsamen Punkt an der Himmelskugel (Konvergenzpunkt) zuzustreben. Mißt man die vektorielle Geschwindigkeit der Mitglieder, so läßt sich eine Entfernung (Sternstromparallaxe) bestimmen. Man kann mit ihrer Hilfe insbesondere die Gruppenmitglieder besser identifizieren.
Im allgemeinen ist N(m) eine Funktion der Dichteverteilung der Sterne D(r), der Leuchtkraftverteilung F(M), und der interstellaren Extinktion g(r). Die Leuchtkraftverteilung ist ein wichtiger physikalischer Parameter, von welchem die Erzeugungsraten der Sterne als Funktion ihrer Leuchtkraft - und damit der Masse - ermitteln läßt. In der Nähe zur Sonne gibt es keine Sternentstehungsgebiete, so daß die gegenwärtige Leuchtkraftverteilung von der initialen Leuchtkraftverteilung F0(M) abweicht. Man erhält die initiale Leuchtkraftverteilung durch Berücksichtigen der Lebensdauer der helleren Sterne.
Kennt man F(M), so kann man aus der beobachteten Helligkeitsverteilung und der Extinktion g(r) die Sterndichte D(r) bestimmen. Die absolute Helligkeit ist gegeben mit (2.37):
.
(3.4)
Die Zahl der Sterne in einem Volumenelement dV = wr2dr in der Entfernung r ist
.
(3.5)
Die letzte Gleichung ist die Fundamentalgleichung der Stellarstatistik. Die Leuchtkraftfunktion wird in Sonnennähe gemessen, die Extinktion ergibt sich aus Farb-Farb-Diagrammen. Mit Hilfe der Stellarstatistik erreicht man Sterne bis in eine Entfernung von 1 kpc.
Helle Objekte kann man in größeren Entfernungen messen. Diese umfassen Objekte unterschiedlichen Alters: Sterne frühen spektralen Typs, H II-Regionen, OB-Assoziationen, offene Sternhaufen, Cepheiden, RR Lyrae-Sterne, Super-riesen, Riesen späten Typs, und Kugelsternhaufen. Die Verteilung junger Objekte deutet eine Strukturierung in einer Umgebung bis zu 4 ... 5 kpc an, welche man als drei Spiralarme der Milchstraße interpretiert. Alte Objekte, wie Kugelsternhaufen, sind nahezu sphärisch um das Zentrum der Milchstraße verteilt. Aus dieser Verteilung wird der Abstand des Sonnensystems vom Zentrum bestimmt; ca. 8.5 kpc.
Sterne in der Ebene der Milchstraße verfolgen nahezu kreisförmige Bahnen um ihr Zentrum, sind i. A. jung und metallhäufig (2% ... 4%). Die interstellare Materie bewgt sich ebenfalls auf ähnlich kreisförmigen Bahnen. Diese Komponenten ordnet man der Population I (Scheibenpopulation) zu. Außerhalb der Ebene der Milchstraße gib es einen Halo mit einem Radius von über 50 kpc. Die Sternendichte ist im Zentrum am größten, dort gibt es wenig interstellare Materie und die Sterne sind bis zu 1010 Jahre alt. Sie enthalten wenig Metalle. Man bezeichnet sie als Population II - Objekte (Halopopulation). Dazwischen gibt es Untergruppen. Die Populationen entsprechen unterschiedlichen zeitlichen Entwicklungsstufen.
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| Typische Vertreter | Unterzwerge, Kugelhaufen, RR Lyr (P>0.4d) | Langperiodische Veränderliche | Planet. Nebel, Novae, helle Rote Riesen | A-Sterne, Metall-Zwerge, klass. Cepheiden | Gas, Staub, Überriesen, T Tau Sterne |
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Mittl. Alter
[109 Jahre] |
> 6 | 6 - 5 | 5 - 2 | 2 - 0.1 | < 0.1 |
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Abstand vom GZ
[pc] |
2000 | 700 | 400 | 160 | 120 |
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Geschw. senkrecht
zur gal. Ebene [km/s] |
75 | 25 | 18 | 10 | 8 |
| Metallhäufigkeit | 0.003 | 0.01 | 0.02 | 0.03 | 0.04 |
Die Form der Milchstraße läßt auf einen kohärente kreisförmige Bewegung der Scheibenmitglieder um den Mittelpunkt der Scheibe schließen. Im allgemeinen wird das Rotationsgesetz V(R) bzw. die auf das Zentrum bezogene Winkelgeschwindigkeit W(R) eine beliebige Funktion des Abstandes R vom Zentrum der Milchstraße sein (differentielle Rotation). Die Milchstraße rotiert nicht als "fester Körper" mit konstanter Winkelgeschwindigkeit. Dem Holländer Jan H. Oort gelang die Messung des Rotationsgesetzes in der unmittelbaren Umgebung der Sonne in den zwanziger Jahren. Ein Rotationsgesetz der Form V(R) führt zu einem deutlichen Muster in den radialen und tangentialen Geschwindigkeiten - bzw. der Eigenbewegungen, welche von der galaktischen Länge abhängen.
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Wir führen galaktische Koordinaten (l,b) - galaktische Länge und Breite - ein (s. Abschn. 1.3.1.5). Ursprung der gal. Länge ist die Richtung zum Zentrum der Milchstraße (a = 17h 42.4m, d = -28° 55?), der Breite die Ebene der Milchstraße. Der Abstand der Sonne zum Zentrum, ihre Bahn- und Winkelgeschwindigkeit seien mit R0, V0, und W0 gegeben, die eines beliebigen Sterns mit R, V, und W. Die beobachtete Radial- und Tangentialgeschwindigkeiten vr und vt ergeben sich nach etwas Geometrie zu
,
(3.6)
wobei r die Distanz Sonne - Stern ist. Entwickelt
man das Geschwindigkeitsgesetz
in eine Taylorreihe in der Umgebung der Sonne, so erhält man als erste
Näherung
(3.7)
wobei
(3.8)
die 1. und 2. Oort'schen Konstante sind. Man beachte,
daß die mittlere Eigenbewegung der Sterne
unabhängig von der Entfernung ist.
Die heute gültigen Werte für die Oortschen Konstanten sind A = 15 [km s-1 kpc-1] und B = -10 [km s-1 kpc-1]. Man erhält die solare Winkelgeschwindigkeit mit
(3.9)
bzw. die solare Umlaufzeit um das galaktische Zentrum
mit
Seit ihrem Entstehen
hat die Sonne ca. 20 Umläufe absolviert. Die Summe der Oortschen Konstanten
ergibt den lokalen Gradienten der differentiellen Rotation: -A - B = -5
[km s-1 kpc-1]. Die Umlaufgeschwindigkeit der Sonne
läßt sich anhand extragalaktischer Quellen messen und beträgt
ca. V0 = 220 km s-1. Daraus ergibt sich ein Abstand
zum Zentrum der Milchstraße von ca. R0 = 8.5 kpc, in Übereinstimmung
mit der Verteilung von Kugelsternhaufen.
Die Radioemission der interstellaren Materie (IM) läßt sich aufgrund der geringen Extinktion bis in große Entfernungen beobachten, sogar vom anderen Ende der Milchstraße. Aufgrund der Spiralstruktur der Verteilung der Materie, welche sich in der Verteilung der IM widerspiegelt, beobachtet man eine diskontinuierliche Verteilung der Radialgeschwindigkeiten. Eigenbewegungen der IM kann man nicht beobachten. Durch die Annahme, daß Spiralarme über gewisse Distanzen zusammenhängend sind und durch Messungen der Radialgeschwindigkeiten als Funktion der galakt. Länge lassen sich Karten der Spiralarme erstellen.
Aus der maximalen Radialgeschwindigkeit als Funktion der gal. Länge kann man V(R) über einen weiteren Bereich von R abschätzen. Das Zentrum rotiert wie ein starrer Körper, ab ca. 1 kpc variiert die Geschwindigkeit zwischen 200 - 250 km s-1. Weiter außen scheint die Geschwindigkeit weiter zuzunehmen.
Aufgrund der Geschwindigkeit in der Nähe der Sonne ergibt sich nach dem 3. Keplerschen Gesetz eine eingeschlossene Masse der Milchstraße von
(3.10)
Dies ist eine untere Grenze, da sich jenseits der Sonne
sonst ein reines Kepler-Gesetz mit
ergeben müßte, was offenbar nicht der Fall ist. Aus dem Keplerschen
Gesetz müßte sich ebenfalls ein Wert für
ergeben anstatt des empirischen Wertes von 5, ebenfalls ein Hinweis darauf,
daß noch ein beacktlicher Teil der Masse der Milchstraße außerhalb
der Sonnenbahn vorhanden sein muß.
